[crossfit], 2014-2015

St. Martin, Graz, März 2015

Invalid Displayed Gallery

[crossfit] ist offensichtlich ein englisches Wort, zusammengesetzt aus „cross“ und „fit“. Überkreuzen, ankreuzen, etwas durchqueren, jemanden verärgern, kreuzen, markieren, überqueren, etwas überfliegen, flanken, unterschlagen, verschränken, etwas durchziehen, querschreiben sind die Bedeutungen von „cross“, wenn man es als Verb, also als Zeit-Wort versteht. Verärgert, böse, quer, sauer,  schief , unfügsam, zuwider, wenn man es als Adjektiv, als Eigenschafts-Wort versteht. Und Flanke, Mischung, Gang, Zwischending, Faustschlag mit der Schlaghand und schließlich Kreuz, wenn man „cross“ als Haupt-Wort versteht. Schließlich gibt es unendliche viele Kombinationen mit „cross“. Cross-cultural, cross-linked, cross-over, cross-country zum Beispiel. Doch eines gab es – zumindest bis vor 20 Jahren –  im Englischen nicht: crossfit. In den analogen Wörterbüchern findet man es nicht.

Ist es des Künstlers Hermann Glettler WORT-KREATION?

Fit sein für all das – die Zeit-Worte, Haupt-Worte und Eigenschafts-Worte im Hauptstamm dieser Wortschöpfung – meint es wohl. Eine Art Ressourcenvergewisserung. Oder Versicherung für all jene Phänomene, Eigenschaften und Tätigkeiten, die mit „cross“ zu tun haben. Die schwarze Einladung mit dem Schriftzug links unten, in eckigen Klammern eingepackt, hat jedenfalls keine Präferenz der Bedeutung von „cross“ erkennen lassen. Lediglich der Untertitel auf der Hinterseite „Zur Passionszeit“ lässt einen religiösen Rahmen zu. Und wer dazu auch noch den Künstler kennt, weiß, dass er ein bekannter Pfarrer ist, sozusagen ein Herzeigpriester, weil er in einem kulturell schwierigen Umfeld seit nunmehr 16 Jahren schlicht hervorragende, inspirierende Arbeit leistet, die weit über die eigenen Grenzen reicht. Von absolvierten Zielen seines Jobprofils (oder möglichen ausstehenden) gar nicht erst zu reden. An einer fragilen Wendezeit in diesem Land – nur in diesen paar Wochen ist überhaupt derartiges zu sagen möglich, wenn auch nicht erlaubt – ist heute nicht von jenen, sondern von seiner Kunst die Rede. Man kann sie nur nicht mehr ganz von seinen anderen Rollen, die er spielt oder besser: zu spielen auch im Stande ist, abspalten – zumindest nicht in diesem Land. In seinem Arbeits-Distrikt wird man auch fündig, wenn man über den Ausstellungstitel nachdenkt.

Am Griesplatz 5, also im Zentrum seines Wirkungsbereiches, findet sich eine Institution, auf deren cooler Homepage folgendes zu lesen ist:

„Dein Einstieg: Alles beginnt mit einem gratis Probetraining.

Als CrossFit-Neuling absolvierst du zunächst ein Einführungstraining. Deine erste Stunde dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Wir besprechen deine persönlichen Ziele und erklären dir genau, was wir machen. Du sollst einen Eindruck davon bekommen, wie wir deine Ziele erreichen wollen und was du bei uns machen wirst. Deine erste Stunde beginnt mit einem auf das eigentliche Workout abgestimmten WarmUp. Die Bestimmung deines Fitnesslevels erfolgt mittels Skilltraining, um deine Vorkenntnisse zu bestimmen und einem Benchmark Workout (rund 10 min). Abschließend wird dein erstes Training in Ruhe mit dir besprochen und wir sehen uns an, wie dein zukünftiges professionelles Coaching bei CrossFitGraz aussehen wird.“

Und dann sind ein paar sympathische junge Trainer zu sehen. Exerzitien also sind crossfit-Übungen, Exerzitien zur Körperertüchtigung. Weltweit. Das Label arbeitet dezentral, als eine Art open-source. Die erfindende Firma schneidet bei jeder Öffnung eines neuen Standorts freilich jeweils neu mit. Ein enormer finanzieller Erfolg.

[crossfit] hat also in Wirklichkeit mit dem vorhin Gesagten gar nichts zu tun. [crossfit] ist eine Bewegung. [crossfit] ist ein Label. Es sprang in den letzten Jahren sprunghaft an: „Im Jahr 2009 wurde CrossFit in fast 2000 Trainingseinrichtungen weltweit angeboten, mittlerweile ist diese Zahl auf über 11.000 im Jahr 2015 angestiegen.“ Erklärt unser täglicher Wissenstank, Wikipedia. Dort heißt es einführend:

„CrossFit ist eine Fitnesstrainingsmethode, die von der gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmung vertrieben wird und Gewichtheben, Sprinten, Eigengewichtsübungen sowie Turnen miteinander verbindet. Ihr Ziel ist es, die Trainierenden in verschiedenen Fitnessdisziplinen ausgewogen zu entwickeln: Ausdauer (kardiovaskuläre/respiratorische Ausdauer und Durchhaltevermögen), Kraft (Leistung und Stärke), Beweglichkeit, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Balance, Koordination und Genauigkeit. CrossFit definiert Fitness als höhere Leistungsfähigkeit in allen diesen Bereichen. CrossFit-Trainierende rennen, rudern, springen Seil, klettern Seile hoch und tragen ungewöhnliche Gegenstände. Sie bewegen rasch große Lasten über größere Entfernungen und setzen Kraftdreikampf- sowie Gewichthebertechniken ein. Weiter verwenden sie Hanteln, Gymnastikringe, Klimmzugstangen und viele Eigengewichtübungen. […] Es wird von verschiedenen Polizei-, Feuerwehr- und militärischen Organisationen als Teil ihres Fitnessprogramms eingesetzt, darunter die kanadischen Streitkräfte und das dänische Leibgarderegiment.“

Wenn wir diese Welt verlassen, so lässt sich „crossfit“ einmal einfach als „kreuzfest“ übersetzen. Ganz einfach ist diese Welt freilich nicht zu verlassen, denn der Ausruf: „Mein Kreuz!“ gehört zu den meist gehörten Gesundheitsbeeinträchtigungen in einer Arbeits- und Freiheitswelt, die mehr und mehr als sitzende vor dem Computer erlebt wird. Selbst die Fastenzeit wird mittlerweile fast ausschließlich als Gesundheitsprogramm gesehen. In einer derartigen Zeit-Situation das christliche Kreuz ins Spiel zu bringen, ist ein Grenzgang. Hermann Glettler tut es, salopp, fast hip. Er ist natürlich in einer gewissen Weise „vorbelastet“ und hat dabei ein Problem mit seinen Rollen. Als Künstler kann er als Priester nicht Kreuze malen oder zeigen, das wäre, sagen wir es diplomatisch, doch eher ideologieverdächtig. Er weiß freilich auch um die Körperkultur, die immer mehr in die Fitnessstudios treibt. Er weiß um die Energie (und das Geld), die man dazu auch braucht. Und er weiß, dass das Kollektiv Kreuzwege in unseren Breiten kaum mehr begeht, in anderen Ländern, (etwa auf den Philippinen) ist das freilich etwas ganz anderes. Dort ist der Kreuzweg Teil einer konfessionellen Identität. Das hat sich bei uns längst gewandelt. Auch wenn es gerade hier Kalvarienberge gibt von einer betörenden Kraft.

[crossfit] ist ein Kreuzteppich, ein multipliziertes Körpertraining für den, der den Gekreuzigten nicht mehr kennt, zusammengefügt aus vielen kleinen Corpora – das ist die Mehrzahl von Corpus, 1 Plural, man verwendet dieses Wort, um nicht das Kreuz, sondern den Corpus des Gekreuzigten zu bezeichnen. Wir haben es hier ganz offensichtlich mit einer Serienproduktion zu tun, in der Endausfertigung Pseudo-Messing und Pseudo-Bronze, das heißt Plastik, mit einer Vorderansicht und einer Rückenansicht, wobei letztere ganz offensichtlich die Hohlheit der Objekte zur Anschauung bringt. Eigentlich ist das Blasphemie, also Gotteslästerung – damit meine ich nicht das Kunstwerk, das hier vor uns hängt, sondern die Tatsache der Serienproduktion in Form derartiger Objekte. Moses hätte die Tafel, die er vom lebendigen Gott am Berge Sinai erhalten hätte, zerschmettert – Gott offenbart sich doch nicht in einem Stück Plastik. Gott unterwirft sein gnadenvolles Handeln nicht den Reproduktionsmaschinen. Man könnte vieles dagegen sagen. Gemessen am Leid, das es stellvertretend für viele formuliert, gemessen am Anspruch, den es besetzen muss – nämlich die Erlösung – ist das Blasphemie. Die kirchlichen Regeln definierten in diesem Problemfeld gerne die edle Materialwahl – Gold etwa, Silber oder Bronze haben sie für die Vortragskreuze oder die Pectorali der Episkopen gerne gesehen. Aber auch sie löst das gleiche Problem nicht. Der derzeitige Papst versucht es mit dezidierter Einfachheit – Blech statt Gold. Wir haben es hier also mit einem Phänomen mit durchaus hoher politischer Signalwirkung zu tun, mit der der Künstler womöglich noch mehr zu tun haben wird als ihm vielleicht jetzt schon bewusst (oder auch lieb) ist.

Woher hat der Künstler Hermann Glettler das Material? Woher nimmt er „diese Kreuze“? Man könnte sagen: Aus seinem Alltag. Doch Hand aufs Herz: Wo gibt es diese Massen zu erwerben? Ich selbst habe dies gesehen: Vor etwa 10 Jahren besuchten wir für ein Projekt zum Aschermittwoch mit unterschiedlichen Künstlern die Grazer Feuerhalle. „Was kommt nach dem Tod?“ „Wir wissen es.“ Sagt ja die Wegweisung an der Grazer Triesterstraße, das ebenfalls zum Distrikt aus Hermann Glettlers Hauptarbeitsbeschäftigung gehört. Das Wissen des Unternehmens besteht in dem hier genannten Kontext darin, dass die Kruzifixe, die auf den Särgen befestigt sind, herabgenommen werden, bevor der Leichnam samt den ihn einhüllenden Sarg in den Ofen geschoben wird um schließlich als Asche in die Urne zu bröseln. Es steht dort ein Eimer, in dem diese Corpora geworfen werden. Ein Abfall. Ein Zeichen hätte es sein sollen, ein Schutzzeichen auf dem letzten Weg, jedenfalls wenn man es mit der Brille der Religionsgeschichte sieht. Früher hat man das Sterbekreuz noch in die erstarrten (und gefalteten) Hände der Leichname gesteckt. Ist es Plastik riecht es übel, ist es Metall ist der Schmelzpunkt zu hoch, sagte der Wärter.

Jedes Kreuz also steht für einen Toten. Jedes davon war am Sargdeckel befestigt, ehe es vor dem Feuer heruntergerissen wurde. Die Fastenzeit beginnt mit diesem radikalen Memento Mori: „Bedenke, o Mensch: Staub bist du, und Staub wirst du werden.“ Diese Tatsache wäre eigentlich die Begründung für eine Solidarität untereinander, die noch ein stärkeres Label sein müsste als es die in den letzten Jahren aufsprießende cross-fit Bewegung ist.

Solidarität: Wir sehen ja ein Netz an den Wänden, zart und doch monumental, subtil aneinandergefügt oder brutal, fast martialisch verschmolzen. Ein Netz, das etwas ins Bild zu bringen versucht vom unfassbar Abgründigen, das sich immer schon, aber vermittelt durch die Neuen Medien, in unseren Tagen mit unfassbarer Brutalität zeigt. Jeder Corpus steht eigentlich für einen Toten. Darüberhinaus stehen sie für die vielen anonymen Toten, die ohne Aufmerksamkeit sterben, die irgendwo hängen, vergessen und unerhört. Die vordere Wand erinnert an einen Kontinent, ja, am ehesten Afrika. Man kann sie unendlich weiterdenken.

Aber vielleicht kann man dieses Geflecht auch anders deuten: Als ein Netzwerk der Solidarität, die den negativen Verstrickungen zum Trotz existiert. Fast spielerisch hat Hermann Glettler diese Corpora gewendet und gedreht, man sieht ihre Vorderansicht, man sieht ihre dunkle Hinteransicht. Die Körper drehen sich und bilden so ein Netz. Man könnte es eine Todesüberwindung in der ekstatisch spielerischen Form nennen.

Meine Damen und Herren, [crossfit] – das ist eine mächtige, monumentale, subtile und zarte Kunstarbeit des Künstlers Hermann Glettler. Er nimmt den Abfall her, mit dem er ausgerechnet als Begräbnispriester konfrontiert ist, und das er als Licht zum ewigen Leben dem Toten zuzusagen hat. Es ist eine Beklemmung, die uns dabei trifft. Doch aus dem Abfall wird hier ein Gewebe, das viele Körper zeigt, die ein kollektives Turnen veranstalten. Man könnte sagen, es ist vielleicht nur ein Vorwand des Künstlers, um nicht ins spirituell Pathetische abzugleiten, eine Art von Schutz gegen eine flache Kreuz-Wiederholung. Natürlich geht es auch um eine spirituelle Fitness. Sie ist wünschenswert. Sie braucht Anfängerkurse wie jedes Fitnessstudio, möglichst niederschwellig. Wo wir uns dann weiterhanteln, in die Abgründe der Einsamkeit dieser Welt, in den Schmerz, in den Trost – wer weiß…

Eröffnungsansprache von Johannes Rauchenberger